Prof. Frank Hill

Prof. Frank Hill

Zwei Gitarren von Angela Waltner aus dem Jahr 2015 – eine mit Fichten-, die zweite mit Zederndecke – haben mich sehr überrascht. Beide besitzen Eigenschaften, welche Gitarren in dieser Deutlichkeit schon lange hätten haben sollen. Fichtendecken bieten meines Erachtens schon immer den schöneren klanglich-dynamischen Reichtum. So ist das Instrument mit Fichtendecke Thema.

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Foto: Edgar Hill

Auf allen bekannten Streich-, Blas-, oder Tasteninstrumenten bilden Lautstärke und Klangfarbe einen natürlichen gemeinsamen Katalog. In tiefen Lagen neigen sie zu Weichheit und weniger Intensität, in hohen Lagen werden sie agiler und intensiver, bis zu durchdringender Helligkeit. Alle diese Instrumente verfügen zumindest in der Meisterklasse über eine Konstruktion, welche schon lange den fließenden Übergang zwischen beiden Polen garantiert. Nicht so bei der Gitarre. Als eines unserer bekanntesten Ärgernisse kennen wir, dass auch bei Meistergitarren über dem 12. Bund der Klang nicht den Zuwachs an Intensität wie bei genannten Instrumenten erfährt, sondern eher verliert – in vielen Fällen sogar deutlich. Die Art der Verbindung von Griffbrett und Decke kann einschränken. Der Spieler muss unnatürlich Kraft aufwenden, ohne dass er das adäquate Ergebnis bekommt – auch psychologisch ein Problem. Ausgenommen hiervon sind z. B. Gitarren von H. Hauser I., der bekanntermaßen bereits vor 100 Jahren einige Wunder vollbracht hat. Seine Instrumente setzen auch in den höchsten Tönen die Energie um.

Die Gitarre von Angela Waltner verblüfft nun gleich in mehreren Aspekten massiv. Das Instrument hat weder doppelte Böden noch Decken oder erscheint in der Konstruktion sichtbar trickreich innovativ. Dennoch ist seine Klangkraft außergewöhnlich. Für eine normale Lautstärke reicht ein Drittel des Maximums dieser Gitarre völlig aus. Damit führt der geringe Kraftaufwand in der Ausgangslautstärke völlig natürlich zu einem stark formbaren Ausgangsklang. Dieser füllt sorglos einen Kammersaal. Gleichzeitig gibt es damit unbekannt viel dynamischen Spielraum nach oben. Es ist eine Freude, die Möglichkeit zu besitzen, in jeder Lage (!) mit 2/3 Reserve ein überraschendes Forte zu spielen, welches auch noch entsprechenden klanglichen Intensitätszuwachs besitzt. Die Sensation liegt auch darin, dass auf allen Saiten die Entwicklung vom 1. bis zum 20. Bund vollendet organisch zum Intensiveren stattfindet – je höher, je strahlender. Auch als Spieler fühlt man eindeutig, wie die Anschlagsenergie ohne den geringsten Bruch bis zum höchsten Ton in Klang umgesetzt wird. Angela Waltner ist es ganz klar gelungen, dem energetischen Gesamtkonzept der Gitarre die gleiche Vollendung zu geben, wie wir sie von heutigen Orchesterinstrumenten kennen. Ein sehr bedeutender und bisher nicht gekannter Schritt!

Die vielen „untergeordneten“ Kriterien, wie Ausgeglichenheit der Register, Ansprache der Klangfarben, Leichtigkeit von Bindungen, etc. genügen höchsten Ansprüchen, was heute zu unserem Glück im Gitarrenbau kein Einzelfall ist. Sehr viel seltener ist, dass aktivere Schwingungsbereiche wie bei Instrumenten von H. Hauser I. auf der Decke wandern und Leben im Klang erzeugen. Auch Leersaiten klingen mit diesem bemerkenswerten Effekt lebendig, können vollendet organisch in Phrasen eingebunden werden. Es gilt die Empfehlung, die Gitarre von AW einem direkten Klangvergleich mit HH I. zu unterziehen. Tradition ist erkennbar, bei grundlegend unterscheidbaren Charakteren. Mein größtes Kompliment lautet: Beide stehen stark und souverän nebeneinander.

Zühlsdorf b. Berlin April 2016

www.musica-longa.de

Kontakt

Angela Waltner
Gitarrenbaumeisterin, M. Eng.

Raabestr. 16
10405 Berlin
Deutschland

+49-30-44324577
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